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„Die Wehrpflicht ist menschenverachtend“ – Interview mit einem Kriegsdienstverweigerer

Die Diskussion um die Aussetzung der Wehrpflicht ist im vollen Gange. Auch wir von Mr. Crowley wollen uns diesem Thema nicht verschließen. Heute setzen wir die Wehrpflicht auf dem Prüfstand und führen ein Interview mit dem Antiwehrpflichtsaktivisten und Kriegsdienstverweigerer Martin. Martin, der eigentlich gar nicht Martin heißt möchte anonym bleiben. Er hat sich auf illegale Weise vor dem Wehrdienst gedrückt und fürchtet juristische Konsequenzen. Wir sprechen mit ihm über die Gründe seiner „Totalverweigerung“ und wie er die aktuelle politsche Debatte beurteilt.

Crowley: Martin, die Wehrpflicht wird wie es aussieht in Deutschland ausgesetzt. Ist dies für dich nicht eine gute Neuigkeit?

Martin: Ja und nein. Einerseits erleichtert es mich, dass nun vor erst kein Mann mehr zum „Dienst an der Waffe“ gezwungen und die Verschwendung von Steuergeldern eingegerenzt wird. Auf der anderen Seite muss bedacht werden, dass die Wehrpflicht keinesfalls abgeschafft werden soll. Nach aktuellen Plänen von Verteidigungsminister zu Guttenberg wird die Wehrpflicht nach wie vor im Grundgesetz verankert bleiben. Das heißt, der Wehrdienst kann jederzeit reaktiviert werden.

„Die Wehrpflicht ist eine Diskriminierung von Männern“

Crowley: Was sind deine Argumente gegen die Wehrpflicht?

Martin: Die Wehrpflicht verstößt gegen meine freiheitliche Weltanschauung, in der niemand zu etwas gezwungen werden sollte. Zudem haben wir es bei der Wehrpflicht nicht mit irgendeinem Zwang zu tun. Es ist der Zwang eine Ausbildung zum Mörder zu erhalten. Die Bundeswehr wird gerne als „brunnenbauende Armee“ verkauft. Der Fokus der Grundausbildung liegt aber im bewafftneten Kampf. Niemand sollte zu einer Schieß- und Nahkampfausbildungen gezwungen werden. Weiterhin bist du als Bundeswehr-Soldat nahezu entrechtet. Einmal in der Kaserne angekommen, werden dir sämtliche Menschenrechte genommen oder zumindest eingeschränkt. Dies betrifft beispielsweise das Recht auf Meinungsfreiheit, das Recht auf freie Bewegung (Freiheitsentzug) und das Post- und Telekommunikationsgeheimnis. Diese Beschneidung der Grundrechte wird kurioserweise durch das Grundgesetz legitimiert. Und wieso müssen eigentlich nur Männer Wehrdienst leisten? Dies widerspricht dem Gleichberechtigungsgrundsatz oder kurz: Die Wehrpflicht ist eine Diskriminierung von Männern. Die Liste der Argumente gegen die Wehrpflicht ließe sich noch ins unendliche fortführen. Bspw. entspricht das Konzept einer Massenarmee aus Wehrpflichtigen der politischen und militärischen Lage des Kaltes Krieges. Nicht der heutigen. Auch ist es nicht zu rechtfertigen, dass an der Bildung und Kinderbetreung gespart wird, während Milliarden für die Erhaltung der Wehrpflicht verpulvert werden.

Crowley: Aber muss nicht jeder auch seine Pflicht für unser Land tun?

Martin: Das ist ein häufig gesagter Satz in konservativen Kreisen. Grundsätzlich lehne ich solche Aussagen, die „unser Land“ betreffen kategorisch ab. Ich fühle mich Menschen verpflichtet, keinen Ländern. Mir liegt am Wohlergehen eines Menschen in Guatemala ebenso viel wie für einen Bewohner diesen Landes.

Crowley: Nun gut, aber wir leben nun einmal in Deutschland. Und wo es Rechte gibt, gibt es da nicht auch Pflichten?

Martin: Selbstverständlich gibt es Pflichten. Aber wer bitteschön hat etwas davon, wenn ich als Wehrpflichtiger mit dem Gewehr durch den Schlamm robbe? Was meine Pflichten sind, sehe und bestimme ich selbst. Letzte Woche, habe ich es zum Beispiel als meine menschliche Pflicht gesehen, einer älteren Frau die Einkäufe nach Hause zu tragen. Damit habe ich in 10 Minuten mehr Gutes getan, als ein Wehrpflichtiger es in 6 oder 9 Monaten schafft.

Crowley: Kommen wir zu deiner Geschichte. Du wurdest ausgemustert. Nicht ganz ohne Nachhilfe, wie du uns berichtet hast.

Martin: Das ist richtig. Für mich stand spätestens seit ich 14 bin fest, dass ich nicht zur Bundeswehr wollte. Der Gedanke, in einer Kaserne eingesperrt zu sein, Befehle unhinterfragt zu befolgen und im schlimmsten Falle für diesen Land in den Krieg zu ziehen hat eine enorme Abneigung, ich würde es sogar als Hass bezeichnen, in mir geweckt. Mein Plan war eigentlich kompletten Widerstand gegen den Staat zu leisten. Sämtliche Post vom Kreiswehrersatz zu ignorieren und gar nicht erst zur Musterung zu erscheinen. Letztendlich habe ich es mir dann doch leichter gemacht. Damit habe ich mir einiges an Ärger gespart. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte doch zivilen Ungehorsam geleistet. So wie Alexander Hense, der für seine Totalverweigerung ins Gefängnis ging.

Crowley: Also bist du zur Musterung erschienen?

Martin: Genau. Aber nicht ohne vorbereitet zu sein. Schon Monate vorher habe ich recherchiert, wie ich eine Ausmusterung erreichen kann. Ich habe mir einen persönlichen Plan erstellt. Eine Kombination aus massivem Gewichtsverlust, um unter die Grenze von 48 Kg zu kommen – ab 48 Kg wäre mir die Ausmusterung sicher gewesen – und mit ärtzlichen Attesten, die nicht meinem tatsächlichen Gesundheitszustand entsprachen.

Crowley: Hast du dir damals keine Gedanken um deine Gesundheit gemacht? Dein Plan der Gewichtsabnahme klingt gefährlich.

Martin: Das war er auch. Und dessen war ich mir bewusst. Aber ich hätte alles getan, um nicht zur Bundeswehr zu müssen. Mein 48 Kg Ziel habe ich übrigens knapp verfehlt. Mein geringes Gewicht und die ärtzlichen Atteste waren aber letztendlich ausreichend für eine Ausmusterung. Auch wenn ich das ganze Prozädere inklusive Intimgriff über mich ergehen lassen musste.

Crowley: Besonders wegen dieser Geschichte wolltest Du anonym bleiben. Was hast du zu befürchten?

Martin: Mal davon ausgenommen, dass ich mich den Anforderungen einer Horde Minderbemittelter ausgesetzt hätte, ich spiele hier auf Werpflichtfanatiker an, die mir in der Vergangenheit bereits Morddrohungen übers Internet gesendet haben, drohen mir  nach deutschem Recht schlimmstenfalls mehrere Jahre Haft.

Auch der Zivildienst ist ein Kriegsdienst

Crowley: Warum hast du damals nicht einfach den Zivildienst geleistet?

Martin: 1. Wer den Ersatzdienst machen möchte, muss zuvor einen Kriegsdienstverweigerungsantrag stellen. In diesem muss der Wehrpflichtige begründen warum er nicht töten möchte. Das ist doch eine Unverschämtheit. So etwas sollte doch kein Mensch begründen müssen. 2. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass der Zivildienst kein Kriegsdienst ist. Im Falle eines Krieges können sämtliche Zivildienstleistende unbefristet zu kriegsunterstützenden Maßnahmen  (beispielsweise Nachschubversorgung der Bundeswehr, Erhalt der öffentlichen Ordnung usw.) herangezogen werden. Selbst wenn der Dienst schon verrichtet wurde. Ein weiterer Irrtum ist, dass der Zivil- und Wehrdienst nur 9 Monate dauert. Tatsächlich ist jeder Mann von 18 bis 45 Jahren, im Kriegsfalle sogar 60 Jahren, dienstpflichtig. Das heißt unabhängig, ob die Wahl auf den Zivil- oder Wehrdienst fällt, der Zwangsdienstleistende verpflichtet quasi ein halbes Leben lang dazu aktiv oder passiv in den Krieg zu ziehen, wenn die Bundesregierung es ihm befiehlt. 3. Auch der Zivildienst ist ein Zwangsdienst, der ausschließlich und willkürlich Männern aufgebürdet wird. Man kann es drehen und wenden wie man will, für mich ist die Wehrpflicht einfach nur menschenverachtend.

Crowley: Wir danken für das Interview.

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